Stralsund 1665: „Scheibenförmiger Klump“

„Erschröckliche Wunderzeichen“ und „Himmelspektakel“

Ein Aspekt unter vielen im Gebiet des UFO-Phänomens ist die Betrachtung historischer Vorfälle, bei denen Menschen Ungewöhnliches am Himmel beobachteten, auch weit vor dem 20. Jahrhundert. Der Zeitrahmen kann dabei sehr weit gespannt sein, vom Mittelalter bis zurück ins Altertum, wobei unstrittig ist, dass Menschen schon immer seltsame Dinge am Himmel gesehen haben, die sie sich nicht erklären konnten. Ebenso unstrittig ist, dass für eine Vielzahl an historischen Vorfällen heute bekannte Naturphänomene verantwortlich waren, die zu früheren Zeiten schlicht anders, vor allem als „Wunderzeichen“, gedeutet wurden. Von Interesse ist dabei auch der Zeitrahmen etwa vom 15. bis zum 18. Jahrhundert, wo zu diversen Vorfällen neben einer textlichen Beschreibung auch Illustrationen vorliegen, die das Ganze bildlich darstellen und so einen besseren Eindruck vermitteln sollen.

Allgemein recht bekannte Beispiele sind die so genannten Flugblätter von Nürnberg und Basel, die beide ungewöhnliche Ereignisse darstellen sollen (Wikipedia). Das Nürnberger Flugblatt von 1561 zeigt bzw. beschreibt eine angebliche Himmelserscheinung nahe der aufgehenden Sonne, bei der zahlreiche kugel-, kreuz- und zylinderförmige Objekte am Himmel zu sehen waren und miteinander „gekämpft“ haben sollen. Der Bericht wird unter Historikern und Meteorologen, aber auch in den Grenzwissenschaften, diskutiert. Manche Ufologen sehen in dem enthaltenen Bericht eine Himmelsschlacht zwischen unbekannten Flugobjekten. Meteorologen hingegen sehen in dem Gemälde eine künstlerisch-interpretative Darstellung einer natürlichen Halo-Erscheinung. Historiker vermuten eine bildliche Vermengung von mehreren, zeitlich unabhängigen, historischen wie natürlichen Ereignissen. Der Autor Ulrich Magin hat sich intensiv damit beschäftigt und weist neben diversen Ungereimtheiten in der Darstellung auch auf die Vermischung natürlicher Himmelsphänomene mit historischen Ereignissen und religiösen Einflüssen hin, so bspw. auf frühneuzeitliche Flugblätter, in denen ganz ähnliche „Wunderzeichen“ und „Himmelsschlachten“ beschrieben werden. Allen gemeinsam sind vor allem die „fliegenden Kugeln, Kreuze und Speerspitzen“, die meist nahe der Sonne gesichtet werden. Magin zufolge hat der Künstler die „Himmelsschlacht“ seiner Zeit technologisch wie sinngemäß angepasst und statt Pferden, Reitern und Schwertern lässt er in seinem Flugblatt moderne Kanonen gegeneinander kämpfen. Ebenfalls allen Flugblättern ist gemein, dass sie entweder tatsächliche, historische Ereignisse mit natürlichen Himmelsphänomenen (zum Beispiel Halos und Nordlichter) darstellerisch vermischen oder schlicht in religiöser Form parodieren. Die „fliegenden Rohre“ aus dem Nürnberger Flugblatt zeigen daher keine UFOs, sondern tatsächlich das, was sie abbilden: Kugeln abfeuernde Kanonen. Auf den Abbildungen werden sie lediglich in der Luft schwebend dargestellt, um den symbolischen Bezug zu Gott und dem Himmel aufzuzeigen (Magin 2012).

Ähnliches zeigt das Baseler Flugblatt von 1566, das neben ungewöhnlichen Sonnenauf- und -untergängen auch eine angebliche Himmelserscheinung vor der aufgehenden Sonne beschreibt, mit zahlreichen rote und schwarze Kugeln am Himmel, die laut Augenzeugen aufeinander losgingen, „als ob sie Krieg miteinander führten“, wie es das Flugblatt formuliert.

Auch hier gibt es dieselben Diskussionen, wie beim Nürnberger Vorfall und auch hier sehen manche Ufologen unbekannte Flugobjekte am Werk. Magin sieht auch hier wiederkehrende Motive, sowie diverse historische und religiöse Einflüsse, wie sie auch auf anderen Darstellungen zu sehen sind. So waren Berichte über angebliche „Himmelsschlachten“ bereits in der Antike und besonders im Mittelalter sehr populär und wurden in großer Zahl niedergeschrieben und auf Flugblättern und Holzschnitten verbreitet. Zu dieser Zeit hatte die christliche Religion großen Einfluss auf Alltag und Weltbild der einfachen Menschen und deutete Himmelserscheinungen aller Art als „göttliche Wunderzeichen“ oder als „Warnzeichen Gottes“. Dementsprechend sind auch die Abbildungen mit christlichen Symbolen geradezu übersät. Fromme Menschen sahen sich dadurch „von Gott ermahnt“, sich zu ihm zu bekennen und ihm treu zu bleiben.

Flugblatt von Nürnberg 1561 (Wikipedia, Aussschnitt) Flugblatt von Basel 1566 (Wikipedia, Aussschnitt)

 

In jedem Fall haben auch diverse Naturerscheinungen, wie Nordlichter, Halos, Nebensonnen, Meteore, Kometen, seltene Wolkenformen, Luftspiegelungen, Erdlichter oder auch St. Elms-Feuer, Einzug in derartige Darstellungen und Beschreibungen gehalten und können heute in einigen Fällen auch recht konkret auf diese Ursachen verortet werden. Zur damaligen Zeit waren derartige Erscheinungen jedoch nicht oder (noch) nicht allgemein bekannt. Zudem wurden solche Erscheinungen auch gerne von der Kirche instrumentalisiert und für Propagandazwecke ausgenutzt, um gewisse Botschaften zu vermitteln. Auch wurden solche Flugblätter von der Kirche selber in Auftrag gegeben.

Ein ausführlicher Artikel zu diesem Thema, mit mehreren Beispielen aus dem 17. und 18. Jahrhundert, findet sich im Tagungsband der MUFON-CES aus dem Jahr 1976, herausgegeben von Illobrand von Ludwiger, damals unter seinem Pseudonym Illo Brand (Brand 1976). Darin werden auch Hintergründe diverser Schilderungen und Illustrationen erläutert und auch die Probleme der (korrekten) Interpretation erwähnt. Wenngleich auch manch umstrittene Hypothesen, wie parapsychologische Einflüsse, psychische Projektionen oder angeblich ufotypische Auswirkungen vertreten werden, bietet der Artikel dennoch, aufgrund der Beispiele und Ausführungen, einen recht guten und informativen Überblick.

Die nachfolgenden Abbildungen zeigen Beispiele für natürliche Erscheinungen.

Nordlicht über Frankreich 1670 (Brand 1976, Ausschnitt) Mix aus natürlichen Erscheinungen 1618 (Brand 1976, Ausschnitt)

 

Die Luftschlacht von Stralsund 1665

Aktuell gewann das Thema historischer Ereignisse besondere Aufmerksamkeit, aufgrund einer Sonderausstellung in der Kunstbibliothek der staatlichen Museen in Berlin, das ein Ereignis über Stralsund aus dem Jahr 1665 im Rahmen einer Ausstellung thematisiert und das auch einen Bogen zum aktuellen UAP-Phänomen schlägt. Die Ausstellung fand auch Widerhall in den Medien und auch aus der UFO-Szene wird die Ausstellung positiv aufgenommen und in Teilen auch als „Sensation“ gehandelt. Der Kunsthistoriker und Direktor der Kunstbibliothek, Moritz Wullen, stieß auf das Ereignis im 2010 erschienen Buch des bekannten französischen UFO-Forschers Jacques Vallée „Wonders in the Sky“ (Co-Autor mit Chris Aubeck), worin eine ganze Reihe an derartigen Erscheinungen aufgeführt ist. Die nebenstehende Abb. zeigt das Titelbild des MUFON-CES-Tagungsbandes zum Schwerpunkthema historischer Ereignisse mit einem Ausschnitt der bekannten Illustration zum Stralsunder Ereignis. Die Kunstbibliothek schreibt zur Ausstellung:

„Alles dreht sich um eine der bizarrsten Mediensensationen der Neuzeit: am 8. April 1665, 14 Uhr, beobachten zeitgenössischen Berichten zufolge sechs Fischer beim Heringsfang vor Stralsund, wie sich Vogelschwärme am Himmel in Kriegsschiffe verwandeln, die sich donnernde Luftgefechte liefern. Auf den Decks wimmeln gespenstische Gestalten. Als ihnen gegen Abend über der Kirche Sankt Nikolai noch „eine platte runde Form wie ein Teller“ erscheint, ergreifen sie die Flucht.“ (SMB 2023)

In der Welt ist dazu weiter zu lesen:

„Am Folgetag werden die Fischer verhört und untersucht. Sie stehen unter Schock, zittern und leiden Schmerzen. In den folgenden Tagen,Wochen und Monaten verbreitet sich die Nachricht von der Erscheinung wie ein Lauffeuer. Schon zwei Tage nach dem Ereignis erscheint die erste Flugschrift über jenes seltsame Objekt, welches ‚wie ein Teller/ und wie ein grosser Mannshut umbher begriffen‘ aussehe. Das ‚Stralsund-Ereignis‘ wirkt noch lange nach. Zwei Jahrzehnte wird die Sichtung der Fischer immer wieder abgebildet.“ (Welt 2023)

Allerdings soll die Ausstellung nicht als Nachweis für ein früheres UFO-Phänomen oder als ein direkter Vorläufer heutiger UAP dienen, sondern als Darstellung damaliger medialer Auswirkungen, die denen heutiger, aufgrund des UAP-Hypes, ähnlich sind und Parallelen aufweisen, dienen. Autoren und Zeichner haben damals sprichwörtlich abgekupfert, haben Motive vermischt und neu zusammengesetzt. Bereits damals gab es eine lebendige Buch- und Zeitungskultur in Europa, in der Illustrationen eine wichtige Rolle spielten. „Bilder vermehrten sich, ohne noch einmal mit der Wirklichkeit abgeglichen zu werden. So entstanden immer neue Hybride aus Wissen, Hoffen und Fürchten, aus Fantasie, Neugier und Glaube.“, so Wullen. Aus dem unerklärlichen Ereignis wird so eine fortgesetzte mediale Inszenierung, etwas, was wir auch heute immer wieder erleben:

„Die Ausstellung ,UFO 1665ʼ ist die erste zu dieser historischen UFO-Sichtung. Anhand zeitgenössischer Bild- und Textquellen rekonstruiert sie die Medienkarriere des Ereignisses und enthüllt Denkmuster und Kommunikationsstrategien, die bis heute die Berichterstattung über ,Unidentified Aerial Phenomenaʼ bestimmen.“ (SMB 2023)

Das heißt, die UFO-Bilder und Vorstellungen davon, die wir heute in unseren Köpfen haben, und mit von neuzeitlichen Science-Fiction-Motiven geprägt sind, reichen in ihren historischen Wurzeln letztlich bis nach Stralsund. Auch die Art, wie wir heute über so etwas reden - UFOs sind sensationell, mysteriös, bedrohlich, kaum erklärbar - lässt sich auf die Geschichte der Stralsunder Heringsfischer zurückführen:

„In den damaligen Medien verbreitete sich die Neuigkeit wie ein Lauffeuer. Flugblätter und Zeitungen machten sich mit unterschiedlichsten Versionen und Interpretationen Konkurrenz. Vor allem religiöse Überzeugungen bestimmten die mediale Transformation des Ereignisses“. (SMB 2023)

Wurde damals aufgrund religiöser Überzeugungen von göttlichen Projektionen ausgegangen, so sind dies aus heutiger Sicht Aliens.

An dieser Stelle möchten nachfolgend wir einige Quellen zur Stralsunder Luftschlacht zitieren. Als erstes aus einem Leipziger Flugblatt aus demselben Jahr:

„HIlff GOtt! was werden noch für gefährliche Zeiten auff Erden folgen? (...) Anfänglich als ein grosser Schwarm Vögel; so in trefflicher Menge aus Nord-Osten hervor gekommen / und alle in der Runde herum geflogen seyn: ja sich auch drauff in kurtzer Frist in einen Klumpen zusammen gerottiret haben; (...) hernach aber sich in ein groß aus Norden hervor ragendes Schiff verändert hat: deme im Augenblicke so viel andere Schiffe gefolget seyn / daß man keine Zahl drauß machen können. Nachdeme diese Kriegesschiffe eine weile man Himmel herum geschweiffet haben; da sol eine starcke Anzahl grössere Schiffe / gerad aus Suden herauff gekommen seyn / und schnur gleich nach Nord-Osten sich gewand haben; drauff die Männer ein dergleichen abscheuliches ausblasen / vom Feuer und Rauch gesehen; daß sie vor unvermeidlicher Bestürtzung mit einander schier erstarret seyn.“ (OZ 2023)

Ebenfalls 1665 wurde der Vorfall in den "Berliner Einkommende Ordinari und Postzeitungen" erwähnt (s Abb.):

"Am Sonnabend/den 8. Aprilis/sind 6 Fischer ausserhalb den Gesellen auf den Heringfang/und werden bey recht klarem Sonnenschein/etwa umb 2 Uhr Nachmittage gewahr/wie aus Norden/einer langen Wolcken gleich/ein grosser hauffen Staare in der Lufft schwebeten/welche denn eine dergleichen aus Süden entgegen komm en/wo raus grosse Kriegs-Schiffe geworden/so hefftig auffeinander geschossen/daß auch für Dampf und Rauch die Schiffe zu vielenmalen nicht hätten können gesehen werden/wann aber der Rauch etwas verzogen/hätten sie deutlich gesehen/wie die Schiffe Ruder und Gallionen ver lehren/die Masten und Stangen über Bort gefallen/und trefflich durchgeschossen worden/auch daß wie Menschen alle schwartz angekleidet/an den Masten auff und nieder gestiegen/und in einem grossen Schiffe ein Mann auf der Componne als commendirend gestanden. Solch Treffen und Gefechte mit grossem Geschrey hätte fast bis zur Sonnen Untergang gewähret/da bald im Rauch kein Schif gesehen/dann wieder ein anders an der Stelle erschienen/und dasselbe so lange auffeinander getroffen/bis endlich eine Anzahl Schiffe nach Norden abgesegelt und nur eins nach Süden gleichsam über Stralsund das letztemal sichtbarlieh Feuer gegäben/alles so deutlich/daß sie/die Fischer/nicht anders gedencken können/daß allhie jedermann das Wunder/wie sie/würde gesehen haben: Plaggens haben sie gesehen/aber nicht erkennen können/es ist überaus viel Fahrzeug groß und klein gewest/daß man es unmüglich zählen können/nur daß sie allezeit einen neuen Hauffen gesehen/und nichts anders gedacht/als daß der jüngste Tag kommen würde/worüber auch einer von diesen Fischern durch schrecken am Beine kranck geworden/welches er noch nicht überwinden kan: Es sind alle wahrhafftige Bürger/die es gesehen. Gestern hat der Herr Obrist von der Wegck wie auch H. Doctor Geßman 2 von den 6 Fischern abgehöret/und nach allen Umständen examiniret. Gott wende dieses Wunder zum besten." (SBB)

Ausführlich beschrieben wird der Vorfall 1680 von Erasmus Francisci worin sich auch die berühmte bildliche Darstellung des Vorfalls findet. Francisci hat diese Darstellung jedoch nicht selber angefertigt, sondern ein von ihm beauftragter Nürnberger Trachten- und Modemaler, und das 15 Jahre später und ohne dass der betreffend Künstler vor Ort war, was insofern bei der Beurteilung der Darstellung auch zu berücksichtigen ist.

Francisci bestätigt in seiner Beschreibung das oben Gesagte und beschreibt das Ende der Vision folgendermaßen (alle nachfolgenden Zitate aus Francisci 1680):

"Wie nun der Rauch etwas vorbey und in der Lufft vertheilt gewesen/sey die Süder-Flotte zurück gewichen/und sie (die Fischer) haben gar eigentlich/wie daß die Masten und Stangen alle von dem Süder-Schiffe weggeschossen gewesen/auch recht pertinent einen Mann/in braunen Kleidern/den Hut unter dem rechten Arm/und die lincke Hand in der Seite haltend/auf die Compagnie stehend/sehen/daneben auch alle Bootsgesellen auf den Schiffen lauffen/und handthieren/wie auch alle Flaggen wehen sehen/aber nicht/was für Art/kennen können. Da dieses nun vorbey/und die eine Flotte in Süden/die andre in Norden gestanden/sey ein grosses Schiff hervor aus Westen kommen/ welches acht lange Balcken auf jeder Seite heraus gestossen/woraus auch continue Rauch und Flammen geflogen: sonsten unzehlbare kleine durch beyde Flotten seglende Fahrzeuge/als Jagten/sich gefunden. Darauf ungefähr um sechs Uhr die Nordische Flotte ansehens verschwunden/die Süder aber stehend geblieben.“

Während die obigen Beschreibungen das scheibenförmige Objekt nicht erwähnen, geht Francisci hier weiter und beschreibt das scheibenförmige, hutähnliche Objekt, das im Anschluss der eigentlichen Vision beobachtet wird:

„Nach welchem über eine kleine Weile mitten aus dem Himmel eine platte runde Form wie ein Teller/und wie ein grosser Manns-Hut umher begriffen/ihnen vor Augen gekommen/von Farben/als wann der Mond verfinstert wird/so Schnur-gleich über S. Nicolai-Kirche stehend geschienen/allda es auch bis an den Abend halten geblieben. Wie sie nun/voller Angst und Schrecken/diß schreck- und nachdenckliche Spectacul nicht länger anschauen/noch dessen Ende abwarten können: haben sie sich in ihre Hütten verfügen müssen/darauf sie die folgende Tage theils an Händen und Füssen/theils am Haupt und andern Gliedern/groß Zittern und Beschwehr empfunden. Worüber viel gelehrte Leute sich allerhand Gedancken gemacht/etc."

Die Diskussion hierzu dreht sich insbesondere um die Interpretation des „grosser Manns-Hut“ und was darunter genau zu verstehen ist, ein großer Hut oder der Hut eines großen Mannes? Auch die Größe oder der genaue Standort des Objekts in der Luft wird diskutiert.

Francisci selbst hielt die Geschichte anfangs für unglaublich:

"Dieses habe ich damals/in den gemeinen gedruckten Zeitungen/gelesen; aber/die Wahrheit zu bekennen/fast nicht viel darauf gehalten/sondern gedacht/die Fischer dörfften es vielleicht/aus der Lufft/oder aus einer pur lauteren falschen Einbildung/erfischet haben."

Erst nachträglich gewann dieser Vorfall für ihn an Glaubwürdigeit, nachdem der Kirchturm vom Blitz getroffen und mehrere Menschen verletzt wurden:

"Aber nachdem/ seit der Zeit/das Meer/mit so vielem Blut/gefärbt worden/ist mirs glaubwürdig fürgekommen. Was der Scheiben-förmige Klump der guten Stadt Stralsund habe weissagen wollen/sollte vielleicht so schwehr nicht zu errahten seyn/wann man bedenckt/welcher Gestalt hernach/im Jahr 1670 die Kirche zu S. Nicolai/und sonderlich der Thurn/durch den Donnerschlag getroffen worden/auch was sonst Merckwürdiges dabey sich eräuget; imgleichen was für Unruh/bey gegenwärtiger Kriegs-Brunst in Pommern/dieser Stadt auf den Hals gewachsen.... Welches mancher naseweise Spötter/der solche Gesichter für eitel Mährlein mag geachtet haben/ihm wol niemals eingebildet hätte."

Francisci meint dazu, dass diese Vision, wie viele andere, auch ein Blendwerk des Teufels gewesen sein könnte:

"Aber wenn der Mensch ihm/ohne Verursachunq deß Gespenstes/falsche Einbildungen macht; alsdenn hat es viel eine andre Beschaffenheit/warum solcher Selbst-Betrug der Augen oder Ohren/bey denen Lufft-wundern/sonderlich die von mehr als einem/ beobachtet/hernach auch durch allerhand Veränderungen und Vorfälle bestättigt werden/keinen Raum finden. Hingegen gebe ich zu/daß bisweilen die argkünstliche Geister wol mögen dem Menschen eine Blendung machen/und ihn/mit erregter Einbildung/betriegen.

 . . . Derwegen er vermeint/es könne nicht wol angenommen werden/daß solche Erscheinungen lauter Augen-Täuscherey/oder Teuffels-Geplerr seyen."

 

Aus ufologischer Sicht ist weniger die geschilderte „Luftschlacht“ von Interesse, die auch als eine Art Vision gedeutet wird, sondern das danach aufgetauchte, scheibenförmige Objekt, das länger am Himmel schwebte und wo Manche Parallelen zu neuzeitlichen fliegenden Untertasse herstellen. Allerdings kann man hier Bezüge zu religiös begründeten Darstellungen herstellen, wie Wullen ausführt, so dass er hier keine große Kontinuität zu aktuellen UFO-Sichtungen sieht. Auch muss man berücksichtigen, dass das Narrativ der „fliegenden Untertasse“ vorwiegend den Nachkriegsjahrzehnten zuzuordnen ist, während dies heutzutage eher nicht mehr die typisch berichtete Form darstellt. Ein relativ lange am Himmel stehendes Objekt würde auch eher auf etwas Herkömmliches hindeuten, wie möglicherweise eine Wolkenformation, das ist an dieser Stelle aber auch nur spekulativ. Anlässlich eines Vortrags auf dem Cröffelbacher UFO-Forum 2023 erwähnte Ulrich Magin, dass es in diesem Jahr einen auffälligen Kometen am Himmel zu sehen gab, der möglicherweise in die Beschreibung der Scheibe hineingespielt haben könnte.

Für die geschilderte Seeschlacht gibt es natürliche Erklärungsansätze, wie eine Luftspiegelung weiter entfernter Schiffe, wobei eine Seeschlacht zu dieser Zeit nicht überliefert ist, allerdings gab es 1640 ein gedrucktes Flugblatt, das die Belagerung Stralsunds zeigt, auch mit Schiffen auf der Ostsee, die in der Illustration einen schwebenden Eindruck vermitteln, was möglicherweise als ein Vorläufer in die Interpretation hineingespielt hat (Welt 2023). Auch könnte ein so genannter falscher Horizont, der Schiffe als schwebend erscheinen lässt, eine Erklärung sein (Metabunk 2017). Letzteres taucht auch heute immer wieder auf Fotos auf, wie die nachfolgenden Abbildungen zeigen. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass solche optischen Täuschungen nicht sehr hoch über dem Horizont erscheinen, insofern ist die historische Darstellung unten links nicht korrekt. Abgesehen davon war die Darstellung von Schiffen am Himmel allerdings auch ein recht häufig zu findendes Motiv auf solchen Darstellungen, um diverse Gegebenheiten auszudrücken. Beim Stralsunder Flugblatt liegt laut Magin ein Zusammenhang mit einer früheren Belagerung nahe, die sich im Flugblatt niedergeschlagen hat.

Nicht korrekte Darstellung einer Luftspiegelung (Wikipedia) Beispiele für den "falschen Horizont" (Metabunk)

 

Auch muss die Frage nach der Realität des Ereignisses an sich gestellt werden, da lediglich die sechs Fischer gemeinsam von Ihrem Boot aus den Vorfall beschrieben, jedoch ansonsten offenbar niemand aus der nahen Stadt. Auch die über einer Stunde am Himmel schwebende Scheibe hat sonst niemand bestätigt. In diesem Zusammenhang können auch die Nachwirkungen bei den Fischern hinterfragt werden, indem die körperlichen Beschwerden keine physiologischen Auswirkungen eines UFO-Phänomens waren, sondern vielleicht schlicht Folgen eines verdorbenen Fischs oder zuviel Küstennebels (beliebter Anislikör im norddeutschen Raum), wie es Wullen ausdrückt (rbb24 2023). In Falle eines realen Ereignisses dürfte es sich um zwei verschiedene Ereignisse bzw. Wahrnehmungen gehandelt haben, da Erklärungsmöglichkeiten der Luftschlacht-Vision nicht das scheibenförmige Objekt erklären und umgekehrt (Ancient Origins 2022).

Ein definitiver Beweis für oder gegen etwas Außergewöhnliches lässt sich in solchen Fällen eh nicht erbringen und es gibt keine eindeutige Gewissheit darüber, ob derartige Ereignisse tatsächlich auch stattgefunden haben. Auch aus diesen Gründen sind solche historischen Erlebnisse vorwiegend das Betätigungsfeld von Historikern und Volkskundlern.

Ganz unabhängig von der eigenen Interpretation dieses Vorfalls bei Stralsund handelt es sich um eine interessante Ausstellung, deren Besuch sich lohnen dürfte. Zur Ausstellung erschien auch ein Bildband, der über den Buchhandel bezogen werden kann.

Interpretation historischer Vorfälle

Wie in den obigen Ausführungen ersichtlich, ist die jeweilige Interpretation aus heutiger Sicht eine zentrale Frage. Ein Kardinalfehler, den man dabei nicht machen darf, ist, solche Schilderungen und gerade die Darstellungen rein aus unserer heutigen modernen Sicht zu betrachten und vor allem zeitgenössische Aspekte außer Acht zu lassen. Das ist der zentrale Fehler, den auch die Paleo-Seti in ihrer Argumentation macht, indem sie frühzeitliche Darstellungen rein aus unserer technischen Sichtweise interpretiert („sieht so aus wie“). Das führte dann zu an sich eher skurrilen, früheren Vergleichen mit Raumanzügen der Apollo-Astronauten oder Raketen/Raumkapseln, als wenn die Technik fortgeschrittener Außerirdischer sich daran orientieren würde. Nachfolgend einige Punkte, die aus unserer Sicht zu berücksichtigen sind:

1. Echtheit/Ausschmückungen

Eine grundsätzliche Frage ist die der Echtheit oder zumindest von Teilen daraus. Also nicht nur, ob die komplette Darstellung eine Erfindung ist, sondern vor allem hinsichtlich von Ausschmückungen oder Ergänzungen, die oft auch anzutreffen sind und gleichzeitig einen bestimmten (zeitgenössischen) Hintergrund verdeutlichen sollen. Gerade im religiösen Kontext werden gerne Ausschmückungen hinzugefügt, um das Einwirken von Gott zu verdeutlichen.

2. Sprachliche Verständlichkeit

Ein banaler Punkt ist die Frage, was genau schreibt der Chronist eigentlich und wie meint er das. Die obigen Zitate zeigen die Probleme, die schon beim Lesen aufkommen, wir verstehen das frühneuzeitliche Deutsch kaum und vor allem das Verständnis dahinter, was damit gemeint ist. Das zeigt sich bspw. bei der Beschreibung des scheibenförmigen Objekts über Stralsund als „grosser Manns-Hut“, wo die genaue Bedeutung diskutiert wird. Ist ein großer Hut gemeint, oder ein Hut, den ein großer Mann damals getragen hat (vermutlich ein großer Hut)? Und wie sahen solche Hüte damals eigentlich aus, also an welcher Form hat sich der Schreiber orientiert? der Forscher Jason Colavito hat das in einem früheren Blogbeitrag thematisiert (Colavito 2015). Im Grunde muss man Sprachwissenschaftler konsultieren, um das Geschriebene korrekt zu verstehen.

3. Naturphänomene

Eine zentrale Ursache sind ohne Zweifel Naturphänomene, die zu früheren Zeiten mangels Kenntnis zu solchen Beschreibungen und Darstellungen führten. Dabei lässt sich das rückblickend nicht immer verlässlich beurteilen ob oder auch welche Phänomene nun verantwortlich sein könnten. Das ist immer stark auch von der künstlerischen Interpretation und den Texten dazu abhängig. Nordlichter und Halophänomene können einerseits recht typisch und nachvollziehbar erscheinen, jedoch andererseits auch unsicher sein, auch unter Wissenschaftlern (Brand 1976). Die zugrundeliegenden Beschreibungen sind auch nicht mit Tatsachenberichten zu vergleichen, wie wir sie heute erheben und wo sich Wahrnehmung von Interpretation trennen lässt. Die Beschreibungen sind somit immer auch interpretativ und von den eigenen Vorstellungen geprägt, wobei man sich damals auch nicht über herkömmliche Ursachen Gedanken machte.

4. Kulturelle und religiöse Einflüsse

Von ebenso zentraler Bedeutung mittelalterlicher Beschreibungen sind die zu der Zeit sehr starken religiösen Einflüsse, die sich auch in den Darstellungen niederschlugen und was darauf zu sehen ist. Wie oben zu den Beispielen der Flugblätter von Nürnberg und Basel erwähnt, hat die Kirche derartige Ereignisse auch für sich instrumentalisiert und auch selber solche Darstellungen in Auftrag gegeben, um die vermeintliche, göttliche Botschaft dahinter zu vermitteln. Man hat darin eben göttliche Botschaften verstanden. Insgesamt muss der kulturelle Kontext zu der jeweiligen Zeit berücksichtigt werden, etwas was häufig bei der Interpretation alter Schriften ignoriert wird, wenn Überlieferungen alleine aus unserer heutigen Sicht beurteilt werden. Am Beispiel einer Abbildung in einer Abhandlung des Mathematikers Johann Caspar Funck aus dem Jahr 1716, die einer fliegenden Untertasse ähnelt, hat Ulrich Magin diesen Umstand demonstriert (s. Abb.). Während dazu in UFO-Kreisen kommentiert wird, dass hier eine fliegende Untertasse aus den Wolken herab fliegt, zeigt Magin den eigentlichen, religiösen Hintergrund auf und die rein symbolische Darstellung von Gott in Form von Schild und Sonne (Magin 2016).

5. Künstlerische Darstellung

Aus dem vorgenannten Punkt ergibt sich dann auch die Frage, woran sich ein Künstler bei der Darstellung orientiert. Die vorliegenden Darstellungen werden in der Regel nicht von den Zeugen selber angefertigt, sondern von Künstlern, teilweise auch Jahre später und rein nach schriftlichen Texten. Der Künstler vermittelt so seine eigene Vorstellung des Ereignisses. Wenn zudem die Kirche selber solche Darstellungen beauftragt hat, dann ist klar, dass hier gezielt religiöse Botschaften unter das Volk gebracht worden sein sollten und eine wirklichkeitsgetreue Darstellung nicht zu erwarten ist. Gerade, wenn dann auch noch zusätzliche Ausschmückungen hinzugefügt werden, um die Botschaft zu verdeutlichen. Derartige Darstellungen können also schlicht falsch und eine Folge von Übertreibungen und Manipulationen im Sinne der eigenen Deutung sein.

Der letzte Punkt weist auf ein auch durchaus aktuelles Problem hin, nämlich, wie interpretieren wir schriftliche Beschreibungen bei der Anfertigung von eigenen Zeichnungen? Damit habe ich mich in einem extra Beitrag befasst und auf frühere Experimente des UFO-Forschers Richard Haines verwiesen. Ein dazu durchgeführtes Experiment findet sich auch im bereits erwähnten Tagungsband der MUFON-CES zum Thema der historischen Sichtungen. Dazu wurde eine historische Schilderung verwendet, nach der die Teilnehmer eigene Zeichnungen anfertigen sollten (Brand 1976). Die Beschreibung lautete wie folgt:

"Warschau, den 17. 2.1730: Gestern um 1 Uhr Nachts hat man einen Comet gesehen, welcher als ein Regenbogen blutiges Feuer, unter welchen auch viel Sternen sich befanden, die überaus groß waren, sich präsentiret, da sie zusammen kamen, präsentirte sich ein Creutz, in Gestalt eines Ordens-Creutzes , dieses theilte sich hernach in zwey Theile, ein Theil nach Schlesien, das andre Theil nach Moscau."

Die nebenstehende Abbildung zeigt die erstellten Skizzen der Teilnehmer. Zu sehen ist, dass die Beschreibung relativ wörtlich genommen und abgebildet wurde, wobei der „Comet“ sich wahrscheinlich eher auf einen hellen Lichtschein bezog und die „überaus großen“ Sterne eher auf besonders helle Sterne. Vermutet wird hier ein Nordlicht, da es eine ganz ähnliche Beschreibung aus dem Vorjahr in derselben Zeitung gibt, die eindeutig einem Nordlicht zugeordnet werden kann. Die Skizze in der dritten Reihe rechts außen dürfte dabei dem Ereignis sehr nahe kommen, da sie damaligen Darstellungen von Nordlichterscheinungen ähnelt.

Von Ludwiger schlussfolgert richtigerweise dazu: „Dieses Interpretationsexperiment sollte belegen, wie schwierig es auch heute noch ist, aus wenigen Informationen richtige Schlussfolgerungen abzuleiten.“ Diese Schwierigkeit besteht nicht nur bei der Umsetzung historischer Schilderungen, sondern auch bei heutigen, aktuellen Berichten, wie die vergleichbaren Haines-Experimente zeigen.

Unter dem Strich ein insgesamt interessantes, aber in der Interpretation zurückhaltend zu betrachtendes Thema.

  

Referenzen:

Ancient Origins (2022). Im Jahr 1665 sagten viele, sie hätten eine UFO-Schlacht gesehen und erkrankten danach [Online]
Brand, I. (Hrsg., 1976). Unerklärliche Himmelserscheinungen aus älterer und neuerer Zeit. MUFON-CES Tagungsband 3. München: MUFON-CES, S. 57-157. Online im AFU-Archiv verfügbar (PDF) 
Colavito, J. (2015). Did UFOs Buzz Stralsund on April 8, 1665? Jason Colavito [Blog]
Francisci, E. (1680). Der Wunder-reiche Uberzug unserer Nider-Welt Oder Erdumgebende Lufft-Kreys. Nürnberg: Wolffgang Moritz Endter und Söhne, S. 624-627. Zitiert in Brand (1976).
Magin (2012). Ein UFO im Jahr 1561? (PDF)
Magin, U. (2016). Ein UFO vor 300 Jahren? ufoinfo.de [Blog]
Metabunk (2017). Debunked: Hovering Ship "Fata Morgana" or "Mirage" [False Horizon] [Blog]
OZ/Ostsee-Zeitung (2023): UFO-Sichtung über Stralsund: So beeinflusst uns eine Story von 1665 bis heute
rbb24 (2023): "Haben die einen schlechten Fisch geraucht oder zu viel Küstennebel getrunken?"
SMB/Staatliche Museen zu Berlin - Kunstbibliothek (2023): UFO 1665, Die Luftschlacht von Stralsund
SBB/Staatsbibliothek Berlin, digitalisierte Sammlungen. Berlin: Einkommende Ordinari Postzeitungen, 1665 [Online]
Welt (2023): Das Ufo von Stralsund
Wikipedia: Das Nürnberger Flugblatt von 1561
Wikipedia: Das Baseler Flugblatt von 1566

 

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